Eine bessere Welt

"Und Sie wollen es sich wirklich nicht noch einmal überlegen? Sie können davon süchtig werden, und dann kommen Sie nicht mehr mit der realen Welt zurecht. Oder aber es wirkt bei Ihnen nicht und Sie fühlen sich für den Rest Ihres Lebens um eine große Chance betrogen."

Sam sagte nichts. Die Therapeutin ging ihm langsam auf die Nerven. All das hatten sie schon besprochen, sein Entschluss stand fest. Auch glaubte er, einen Stich von Neid in ihrer Stimme zu hören. Als kleines Rad im Gesundheitssystem würde Sie das Mittel wohl immer wieder bei Anderen anwenden, aber nie selbst in den Genuß kommen.

"Nun, wie Sie wollen", sagte sie, als er weiter schwieg. Sie verabreichte ihm mit einem kleinen Gerät eine subkutane Injektion. "Entspannen Sie sich. Das Medikament fängt gleich an zu wirken." Ihre Stimme wurde ruhiger, war erfüllt von hypnotischer Kraft. "Ich werde Sie den ersten Teil Ihres Weges begleiten, gezielte Suggestionen setzen, um Sie zu Ihrem Ziel zu führen. Sie werden in eine Welt des Friedens eintauchen. Schon jetzt spüren Sie, wie Ihr Körper sich entspannt, Ihre Glieder erfüllt sind von einer wohligen Schwere. Sie merken wie die Zeit sich dehnt und Minuten zu Tagen werden...."

Sam verstand die einzelnen Worte nicht mehr. Er ließ sich treiben, folgte der tonlosen Stimme in ein Meer schläfrigen Friedens. Eine tiefe Fröhlichkeit erfüllte ihn, floss wie ein warmer Strom durch seinen Körper. Beinahe schon sah er einen Ort vor sich, eine Insel des vollkommenen Glücks. Doch etwas hielt ihn zurück. Ein Teil von ihm klammerte sich hartnäckig an die reale Welt, wollte nicht vergessen, sich nicht einer Illusion hingeben. Eine Weile versuchte er dagegen anzukämpfen, aber er fühlte wie ihm das Glücksgefühl mehr und mehr entglitt.

Frustriert öffnete er die Augen. "Es hat nicht geklappt" sagte er bitter. "Das kommt vor" antwortete die Therapeutin. "Dreißig Prozent der Klienten haben eine zu starke Bindung an die Realität. Wenn Sie möchten, können wir in der nächsten Woche einen neuen Versuch unternehmen". In Ihrem Lächeln spürte er tröstliche Empathie. Zusammen besprachen sie die Situation und durch ihre warmherzigen Anteilnahme verlor Sam viel von seiner Bitterkeit.

Nach der Sitzung ging er in einen nahegelegen Park, setzte sich inmitten sprießenden Frühlingsgrüns auf eine Bank. Er betrachtete die erwachende Natur um sich und fand seinen Frieden mit dem Versagen der Behandlung. Sicherlich gab es viele Probleme, den Ärger mit Hellen, seiner Frau, und Gabi, der Tochter. Den wirtschaftlichen Niedergang, die Anschläge, Unruhen, Massenarbeitslosigkeit. Aber es existierte auch so viel Schönes und Wunderbares, für das es sich zu leben lohnte. Nein, er brauchte die Behandlung nicht. Er wollte im Hier und Jetzt leben, nicht in ein synthetisches Glück flüchten.

Es war wie das Erwachen aus einem Alptraum. Verschwommen erinnerte er sich an seine Verzweiflung angesichts einer scheinbar unheilbar kranken Welt. Er konnte nicht mehr verstehen, warum er jemals so empfunden hatte. Nun sah er sich selbst als Teil einer lebendigen, pulsierenden Ordnung, fühlte wie ihn Kraft und Hoffnung erfüllte.

In den folgenden Wochen verschwand die Erinnerung an das Ereignis mehr und mehr aus seinem Denken. Zurück blieb eine innere Zufriedenheit, die nur durch gelegentliche Alpträume unterbrochen wurde. Er konzentrierte sich auf seine politische Karriere, erreichte einen sicheren Listenplatz für die nächste Landtagswahl. Die Beziehung mit Hellen war nicht einfach, aber sie fanden einen Weg ohne großen Streit miteinander umzugehen. Mit Gabi gab es heftige Auseinandersetzungen, aber pubertierende Teenager waren nie einfach. So verging Tag um Tag mit all den großen und kleinen Problemen des täglichen Lebens. Die Routine des Alltags nahm ihn gefangen, aber nie bereute er seinen Entschluß, die Behandlung nicht weiter zu führen.


"...und Sie sind wieder ganz in der realen Welt". Er öffnete die Augen und sah vor sich die Therapeutin, einen gierigen Blick in ihrem hohläugigen Gesicht. Wie ein Sturz in eiskaltes Wasser kamen die Erinnerungen zurück, an den globalen Verteilungskrieg 2022, den folgenden Zusammenbruch der Wirtschaft, die Hungerrevolten, die brennenden Städte, all die tägliche Gewalt. "Der Übergang kann schwierig sein" sagte die Therapeutin, sie konnte dabei eine hämische Befriedigung nicht ganz verbergen. "Dank des Medikaments müssten Sie in der letzten halben Stunde einige Wochen subjektiver Zeit in einem ganz privaten kleinen Paradies verbracht haben". "Ich war zurück," stammelte Sam mit Tränen in den Augen "Ende der Nuller Jahre. Oh Gott, was haben wir alles verloren".

Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Gedanken. Ohne auf eine Antwort zu warten, kam sein Leibwächter in das Zimmer. "Herr Minister," rief er, "wir müssen hier weg. Mehrere zehntausend Prolls sind aus dem Getto ausgebrochen und verwüsten dieses Viertel." Sam sah, wie sich das Gesicht der Therapeutin vor Angst verzerrte. Erstaunt bemerkte er, wie in ihm der Wunsch aufstieg, sie in seinem gepanzerten Fahrzeug mitzunehmen, sie zu beschützen. "Vor dieser Nebenwirkung muss ich mich in Acht nehmen" dachte er bei sich und verließ wortlos den Raum.

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