Feuer im Eis

Christine ging am 2. Tag nach draußen. Es war keine Entscheidung, denn es gab keine Wahl. Die sterbenden Erde 380 km unter der ISS machte den eigenen Tod zu einer belanglosen Gewissheit. Die Welt brannte und in Christine erstarb alle Wärme. Es war gleichgültig, wer den ersten Sprengkopf abgefeuert, wer das Inferno entzündet hatte. Alle Seiten hatten ihre Arsenale gründlich gelehrt. Niemand würde überleben. Nach dem Feuer würde der atomare Winter kommen, langsam und unaufhaltsam diejenigen töten, die sich in Bunkern verkrochen hatten. Nichts machte mehr einen Sinn, nichts war wichtig.

Es passte nicht, dass sie noch lebte. Unter ihr verbrannte das Leben, schrie in einer kurzen Flamme seine Verzweiflung in ein totes Universum. Bald würde das Feuer erlöschen, später Eis die Meere der Erde überziehen. Sie konnte nicht hier sitzen, kalt wie der Tod und doch lebendig. Es passte nicht. Die internationale Raumstation, diese kleine Blase, in der sich die Wärme noch einige Wochen halten mochte, war ihr lästig. Ebenso die anderen Mitglieder der Besatzung, die sich, des eigenen Todes noch nicht bewusst, im Habitationsmodul zusammendrängten. Jeder Atemzug, den sie hörte war falsch, ein Missklang in der Stille. Ohne eine bewusste Bewegung fand sie sich plötzlich vor dem Schott. "Ich gehe nach draußen" hörte sie sich sagen, obwohl es nichts zu sagen gab. Dimitri, der turnusmäßige Kommandant, sah nicht auf, starrte weiter wie die anderen durch das kleine Bullauge.

Sie öffnete das Schott, zog sich in das Servicemodul und schloss es wieder. Nach dem Geruch nach Schweiß und Körpern im überfüllten Habitat kam ihr die Luft merkwürdig rein vor. Mechanisch zog sie sich den Overall vom Körper und legte die verschiedenen Schichten des Raumanzuges an. Sorgfältig führte sie den Checkup aus, jeder Handgriff, jeder Blick ein Ritual des Abschieds. Dann war sie in der Luftschleuse und sah, wie ihre Hand die Kontrollen bediente. Surrend sprang die Pumpe an und als das Geräusch in der dünner werdenden Luft verklang, spürte sie die Vibrationen durch die Magnetstiefel und die Handschuhe. Die Außentür öffnete sich und Christine stieg aus dem Modul, richtete sich an der Außerwand der Station auf, über sich die sterbende Erde .

Langsam und präzise schob sie ihre Stiefel voran bis sie, den zerklüfteten Formationen der Außenhaut folgend, das nutzlose Rescue Vehicle erreichte. Hier war es besser, hier gehörte sie hin, ihr Körper bald ein ebenso kaltes und unnutzes Stück Schrott wie die Rettungskapsel. Zerbrochene Träume. Lange Zeit stand sie da, betrachtete die Erde über sich. Die Nachtseite war so hell erleuchtet wie nie zuvor, jedoch von brennenden Städten und Wäldern, nicht durch die Lichter der Metropolen. Halb Nordamerika schien in Flammen zu stehen. Wo das Licht ausreichte sah sie Rauch die Landmassen verhüllen, wie ein dreckig-graues Leichentuch. Tausende von Sprengköpfen hatten das Angesicht des Planeten zerfetzt, die dünne Schicht des Lebens zerrissen. Die Erde würde weiter bestehen, leer und seelenlos, ein weiterer Gesteinsbrocken in den toten Weiten des Alls.

Zeitlos wartete sie und wusste nicht worauf. Sie fühlte Kälte in sich, Gleichgültigkeit. Aber auch die Ahnung von etwas Wartendem jenseits der Betäubung. Die Erde drehte sich über ihr, enthüllte ihren wissenden Augen die schwärenden Wunden der Zerstörung. Ihre Hände und Füße begannen zu kribbeln an, ein Zeichen, dass der Sauerstoffvorrat zu Ende ging. Christine fühlte sich betrogen. Irgend etwas sollte noch kommen, es war nicht fair, dass sie still erstickte, während die Erde brannte. Sie hielt sich an diesem Gefühl fest, krallte sich hinein, wollte sich noch nicht in das Ende allen Seins fügen.

Endlich spürte sie, wie in ihr die Schranken brachen. Die letzte Glut des Lebens, die sie verborgen in ihrem Inneren getragen hatte, brach sich seine Bahn, entflammte noch einmal. Sie dachte an die Milliarden, die gestorben waren und noch starben. Sie dachte an die Städte voller Menschen, die in Augenblicken verbrannt waren, an die ungeheure Verschwendung von Leben und Schöpfung. An all die Lieder, die nie wieder gesungen werden würden, an all die Emotionen, die niemals wieder jemand empfinden würde. Endlich war es richtig, sie war im Einklang, in einer letzten Harmonie mit der sterbenden Welt. Sie spürte wie die Wärme ihren Körper erfüllte, in ihre Augen trat und endlich konnte sie weinen. Sie weinte um ihre Familie, um Tom, um ihre kleine Schwester, um alle Menschen die sie je gekannt hatte und um all die Gesichtslosen, die sie nie kennengelernt hatte. Sie schrie ihre Verzweiflung hinaus, brannte vor Schmerz, war erfüllt von der unersetzlichen Kostbarkeit des Lebens und der ungeheuren Vergeblichkeit seines Endens. Sie war eins mit den brennenden Städten, mit den zerfetzten, sterbenden Körpern, mit den vom Lichtblitz Geblendeten, die mit verbrannter Netzhaut auf die Druckwelle warteten, mit den Millionen in Australien und Afrika, für die der Tod langsam und unaufhaltsam kommen würde. Noch einmal lebte sie, in einem unendlich langen Moment, gepeinigt im Sterben der Welt, mit einer Intensität die sie verzerrte, hell flammend vor Verzweiflung und der vergeblichen Liebe für die sterbende Schöpfung.

Tränen schwebten in ihrem Helm, zusammengelaufen zu großen Tropfen. Von Zeit zu Zeit kam einer in Berührung mit ihren Wangen, benetze sie kühlend. "Nasse Asche" dachte sie verschwommen. Das Feuer war erloschen. Sie spürte wie die Kälte wiederkam, Arme und Beine wurden taub. Sie war abgetrieben, sah weder die Erde, noch die Raumstation. Vor ihr lag der tote Raum. Schwärze, erhellt durch das Licht seelenloser Sterne. Sie gab sich dem Nichts hin. Langsam erstarrte ihr Fühlen, ihr Bewusstsein verging. Eine Weile atmete ihr Körper noch, dann war Stille. Später kam das Eis.

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