So kocht der Mann; ein ( nicht ganz ernst gemeinter) Vortrag


Liebe Kameraden, liebe Geschlechtsgenossen,

wir Männer haben es nicht leicht. Mit der zunehmenden Erosion der geschlechtsspezifischen Rollenbilder in unserer Gesellschaft werden mehr und mehr unnatürliche Anforderungen an uns herangetragen. Diesen zu begegnen, fällt uns nicht leicht. Schließlich hat uns die Natur als Jäger und Sammler geschaffen und nicht als Verrichter weibischer Tätigkeiten. Wie aber soll Mann reagieren, wenn eine Konfrontation mit beispielsweise dem Kochen unvermeidlich erscheint? Um diese Frage zu klären, möchte ich zunächst einen Erlebnisbericht von Martin verlesen, der sich in einer solchen, scheinbar aussichtslosen Situation befand. Danach werden wir den Ablauf der Ereignisse analysieren und besprechen.

 

Als ich abends nach Hause fahre, kommt mir Birgit in ihrem Auto schon entgegen. Sie ist auf dem Weg zu ihrem Laden, wo sie, wie mehrmals die Woche, eine abendliche Lieferung entgegennehmen wird. Als selbstständige Geschäftsfrau hat sie kaum Freizeit. Zwei Wochen zuvor habe ich mich, um sie zu entlasten, am Kochen versucht. Das Ergebnis, Spagetti mit Tuhnfisch-Kapern-Tomatensoße, war gar nicht schlecht. Immer wieder lobt sie seither meine Kochkünste, meinte neulich sogar beim Italiener: "Deine Spagetti waren viel besser!"

Zwar bin auch ich selbstständig, aber mit Birgits Arbeitspensum kann ich nicht konkurrieren. Daher habe ich mich zu ihrer Freude entschlossen, heute erneut das Abendessen zu bereiten. Spagetti sind nicht schlecht, damit habe ich ja schon Erfahrung. Im Kühlschrank entdecke ich eine größere Menge Käsereste. Hervorragend, die kann ich gleich zu einer Käsesoße verarbeiten.

Zum Glück bin ich wissenschaftlich gebildet. Käse ist eher fettig, daher dürfte er sich in einem wässrigen Medium nur schlecht lösen. Eine möglichst hohe Oberfläche der Käsepartikel ist anzustreben. Also krame ich die kurbelbetriebene Mehrzweck-Küchenreibe hervor, die ich Birgit vor einiger Zeit zum Geschenk machte. Dann inspiziere ich die Käsereste und stelle eine herzerfrischende Vielfalt fest. Herrlich, das wird eine richtige Mille-Formagi-Soße, nicht irgend so ein langweilig-einfältiges Gorgonzola-Ding. Um den Genuss noch zu erhöhen, entferne ich sogar die Rinden.

Die Zerkleinerung des Käses wird dann doch problematischer als erwartet. Ich lege die Scheiben zusammen, quetsche sie in die Reibe und beginne die Kurbel zu drehen. Aber statt zarte Käseflocken zu produzieren, verstopft das Gerät sofort. Beherzt erhöhe ich den Druck auf den Einfüllstutzen und lasse mich auch durch den am Stopfen vorbeiquellenden Käsebrei nicht stören. So geht es, auch wenn ich eine Menge Ausschuss produziere. Ein Pfund müsste doch für 2 Personen reichen?

Als nächstes brauche ich eine Grundlage für die Soße. "Gleiches löst sich in Gleichem", diesen Grundsatz habe ich noch aus dem Studium in Erinnerung. Also Milch, die Mutter und Grundlage aller Käse. Ich fülle eine ansprechende Menge in einen Topf und schalte die Platte an. Damit die Milch nicht anbrennt, füge ich Wasser hinzu. Jetzt ist das Lösungsmittel aber recht wässrig, daher gebe ich ein halbes Glas Schlagsahne bei.

Dieses Gemisch lasse ich heiß werden und beginne damit, die Käsebrocken einzustreuen. Mit entspannten Kreiselbewegungen verquirle ich sie mit Hilfe einer Gabel in der weißen Flut. Doch statt der erhofften linearen Viskositätszunahme stelle ich einen erhöhten Bewegungswiederstand im unteren Bereich des Topfes fest. Der Käse löst sich nicht richtig! Vielleicht sollte ich den Lösungseffekt durch eine höhere Energiezufuhr unterstützen. Ich schalte die Platte auf die höchste Stufe und schütte und quirle weiter. Na also, in diesem blubbernden Hexenkessel muss wohl mit der Zeit jeder Käsepartikel klein beigeben!

Ich pausiere kurz, um Salz beizufügen. Nicht mit dem zögerlichem Geschüttel einer Frau, sondern mit beherztem, männlichem Schwung. Dann noch 50 Umdrehungen mit der Pfeffermühle. Aber was ist das? Schon dieser kurze Moment des Innehaltens hat dazu geführt, dass sich im Topf eine ölige von einer wässrigen Phase abscheidet! Konsterniert greife ich zur Gabel, um die Vermengung weiterzutreiben. Aber es kommt noch schlimmer. Der ganze Käse scheint sich am Topfboden abgesetzt zu haben! Statt einer homogen-viskösen Flüssigkeit habe ich nun eine 3-Schicht-Fraktion. Oben Öl, dann Wasser und zuletzt eine zähe, einbrennende Käseschicht. Schon nach wenigen Rührbewegungen sind die Zinken der Gabel vollkommend in einem großen, leichenweißen Käsebrocken verschwunden!

Noch lasse ich mich nicht entmutigen. Es wird wohl ein Emulgator fehlen. Ich entscheide mich gegen den Einsatz eines Tropfens Spülmittel; der hätte vielleicht doch geschmackliche Auswirkungen. Gegen Alkohol dürfte nichts sprechen, schließlich gibt ein Schuss Wein einer Soße erst den rechten Pfiff. Aber auch die Beigabe eines Viertelliters Rotwein verbessert das Ergebnis nicht wesentlich. Langsam wird die Situation kritisch, auch die Zeit geht mir aus. Vielleicht hilft eine moderate Säure? Nein, auch der gute Balsamico hat keinen Effekt. Oder etwas Butter? Wieder Fehlanzeige. Eine erhöhte Viskosität, um die Käsepartikel in der Schwebe zu halten? Nach dem Einrühren einer halben Packung Soßenpulver scheint sich das Öl besser mit dem Wasser zu vermengen, der Käse aber bleibt unbeeindruckt. Italienische Kräuter? Ein Schuss Kernöl? Etwas Senf? Nichts hilft!

Ich rühre immer noch in der "Soße", als Birgit zurückkommt. Sie sieht meinen kläglichen Gesichtsausdruck, nimmt die Gabel und examiniert das Ergebnis meiner Bemühungen. Zunächst sehe ich Ihre Mundwinkel verdächtig zucken, aber statt zu lachen nimmt sie mich tröstend in den Arm. Ich entsorge die Soße in der Toilette und wir lassen uns eine Pizza liefern.

 

Wenn wir diesen Erlebnisbericht betrachten, fällt uns als erstes die hochbrisante Ausgangssituation auf. Die Partnerin ist arbeitsmäßig stark belastet ("mit ihrem Arbeitspensum kann ich nicht konkurrieren"). Eine einmalige unüberlegte Hilfsaktion Martins ("vor zwei Wochen habe ich mich, um sie zu entlasten, am Kochen versucht") wird zunehmend instrumentalisiert ("deine Spagetti waren viel besser"). Hier handelt es sich eindeutig um den offensiven Versuch, die Aufgabenverteilung in der Beziehung zu Lasten des männlichen Partners neu zu ordnen. Schon in wenigen Tagen wird Birgit sicherlich die moralische Keule einsetzen ("Du könntest ruhig mal das Essen machen, schließlich hast Du mehr Zeit als ich!").

Wartet Martin den direkten Konflikt ab, so kann er nur verlieren. Selbst wenn er sich dem Druck widersetzt, führt das über eine moralische Niederlage ("Du egoistischer Macho!") zu einer Verschiebung des Machtgleichgewichtes. Deswegen muss Martin jetzt handeln, bevor die Auseinandersetzung deutlich wird. Der beste Weg dabei ist, scheinbar in vorrauseilendem Gehorsam auf Birgits Wünsche einzugehen und dabei zu scheitern.

Dabei steht Martin vor der schwierigen Aufgabe, glaubhaft zu sein. Um das zu Erreichen, muss er zwar scheitern, darf das aber gleichzeitig nicht wollen. Die zugrunde liegende Geisteshaltung hat Orwell in seinem Roman 1984 anschaulich als Zwiedenken beschrieben. Sicherlich wüsste Martin, wenn er darüber nachdenken würde, dass man eine Käsesoße nicht einfach aus Hartkäseresten herstellen, an das Kochen nicht mit chemischen Halbwissen herangehen kann. Wollte er ernsthaft ein genießbares Essen produzieren, würde er ein Kochbuch zu Rate ziehen. Aber da sein letzendliches Scheitern eine conditio sine qua non ist, schafft er sich vorbewusst eine Ausgangslage, die das gewünschte Ergebnis garantiert.

Nun kann er unbekümmert sein "Bestes" geben, mit den Zutaten spielen wie ein Kind mit einem Chemiekasten. Wenn er dabei kostbare Küchenressourcen (wie Kernöl und Balsamico) vergeudet, dann stärkt das nur den Eindruck seiner Ernsthaftigkeit. Während dieser Phase muss er sich auf das krisenhafte Ende einstimmen, sich selbst völlig davon überzeugen, dass sein einziger Wunsch ist, eine gute Soße zu bereiten. Übertriebene, unglaubhafte Einfälle muss er streng abwehren ("ich entscheide mich gegen den Einsatz eines Tropfens Spülmittel...").

Schließlich betritt Birgit die Küche. In diesem kurzen Moment kumuliert die gesamte Dramatik der Situation. Martin muss sie durch seine Haltung, sein Denken, sein Fühlen von der Ernsthaftigkeit seiner Bemühungen überzeugen. In unserem Beispiel gelingt ihm das ideal ("sie sieht meinen kläglichen Gesichtsausdruck..."). Damit gibt er ihr das Gefühl einer scheinbaren Überlegenheit ("zunächst sehe ich ihre Mundwinkel verdächtig zucken...") und appelliert gleichzeitig unwiderstehlich an ihre mütterlichen Instinkte ( "...nimmt sie mich tröstend in den Arm"). Birgit ist paralysiert, ein Opfer ihrer emotionalen Programmierung. Wie könnte sie in Zukunft von Martin verlangen, dass er kocht, wenn er sich heute so viel Mühe gab und sie das auch noch lächerlich fand?

Bravo Martin, Du hast die Herausforderung bravourös gemeistert und Deinen unmännlichen Schnitzer, das freiwillige Kochen, glänzend auspoliert! Gönne Birgit ruhig das trügerische Gefühl der Überlegenheit, Du weißt es besser. Und sie wird Tag für Tag mit selbst bereitetem Essen für diese Illusion bezahlen.

 

... und hier findet sich der Beweis, dass dieser Text nicht völlig aus der Luft gegriffen ist: www.sokoliuk.de/matthias/sosse.jpg

 

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