Locked In


system restarting
initialising basic brain functions…
respiration active, oxygen level 95%, uncritical
muscle tension over limit 170%
relaxation initiated…
stress level increased 210%
compensating…
compensating…
ok
initialising upper brain functions…
recreating personality from backup…
personality 96% restored

...verschwommenes Gefühl des Treibens. Zähigkeit. nicht richtig, nicht richtig, kann nicht.... Furcht.. ANGST.. PANIK! Gehaltenwerden ohne entkommen zu können...

restarting emotional system
integrating emotioncom® implants
negotiating limbic balance…

-welcome matthias, emotioncom® is with you-

...warmes, wohliges Gefühl des Willkommens, langsam anschwellend, in ein Crescendo der Freude mit sanfter erotischen Verheißung übergehend und langsam abebbend…

establishing sensorial circuits...
sensorial input enabled

heiteres Wahrnehmen des Liegens... etwas passt nicht... erster Schmerz, leicht, gelassenes Dulden... Geräusche, Silben, doch kein Inhalt...

adapting sensorial input level
starting assoziative system

Teppich unter den Fingern, Schmerz im verdrehten Fuß, dringliche Geräusche, nein Sprache. Helligkeit, Formen...


reallocating memory space
verifying memory cache
inconsistent data in cluster 2
cache deleted
starting conscience device
almost done…
ok

Desorientiertheit, die in die Frage überging, wo er war. Er lag auf dem Boden, so viel war klar. Was war geschehen? Sein einer Fuß lag verdreht unter seinem Körper und schmerzte. Unwillkürlich versuchte er ihn aus dieser Lage zu befreien, aber noch konnte er sich nicht bewegen.

all systems functional
conscience established
voluntary movements enabled

Endlich! Er drehte sich zur Seite und zog den Fuß unter seinem Körper hervor. Der Unterschenkel war eingeschlafen, durch die Bewegung fing er leicht an zu kribbeln. Na so was, er war wohl minutenlang weggewesen. "Matthias! Bist Du wieder da?" drang an sein Ohr. Er wandte denn Kopf und sah seinen alten Freund und Kollegen Alfred. "Matthias, bist du ok?" fragte dieser mit einem besorgten Unterton. "Ja, ja, alles in Ordnung, nur mein Bein ist eingeschlafen" erwiderte er. Irgendwie erschien ihm immer noch alles etwas unwirklich. Aber machte nichts, er fühlte sich gut und geborgen, wunschlos glücklich. Es war gut, hier auf dem Boden zu sitzen und den Leuten zuzunicken, die vorbeiliefen. "Mensch Matthias, überprüf mal dein sekretorisches System, du bist ja voll drauf!" rief Alfred.

Guter alter Alfred. Immer macht er sich Sorgen. Aber den Gefallen kann ich ihm eigentlich tun. Na sieh mal an, Endorphinproduktion auf Level 9 angehoben. Warum denn das? Neugierig drehte er den mentalen Regler auf die Normalstellung. Beinahe augenblicklich nahm das schon fast vergessene Kribbeln in seinem Bein infernalische Qualitäten an. Er fühlte sich am ganzen Körper zerschlagen, jeder einzelne Muskel tat ihm weh.

"Was ist passiert?" presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Du hattest einen Crash. Warst plötzlich weg. Hast noch ein paar mal den letzten Satz wiederholt. Dann hast du plötzlich gezappelt wie irr, bist hingefallen und warst völlig verkrampft. Hast mir einen Heidenschrecken eingejagt! Hast geschrieen wie ein Elch, als du dich so zusammenkrampftest. Komm, ich bring dich in dein Büro"

Matthias richtete sich mit Alfreds Hilfe auf ließ sich von ihm weiterführen. Er rief seine Statusinformationen ab. Eine rauchige Frauenstimme erklang vor seinem inneren Ohr.

"Hallo Matthias. Es ist Dienstag, der 22. Juni 2030. Du benutzt mit Braincards 3M das weltweit führende mentale Integrationsprogramm. Du hattest vor 3 Minuten 43 Sekunden einen Systemcrash, hervorgerufen durch eine Schutzverletzung im Bereich der Thalamusimplantate. Der Kurzzeitgedächtnisspeicher wies inkonsistente Daten auf wurde daher gelöscht. Du befindest dich im Gebäude der Rauteg AG auf dem Weg zu deinem Büro. Alle Systeme sind wieder voll funktionsfähig. Allerdings kam es während der Systemstörung zu einer erhöhten Muskelkontraktibilität, durch die kleinere Faserrisse aufgetreten sind. Auf Grund der dadurch verursachten Schmerzen und wegen einer geringfügig erhöhten Konzentration von Stresshormonen empfehle ich eine vorrübergehende Anpassung des Endorphinspiegels. Soll ich die Anpassung durchführen?"

"Nein!" rief Matthias innerlich, "nicht noch einmal." Schließlich musste er noch arbeiten. Wahrscheinlich zumindestens, sonst wäre er ja nicht hier. So langsam konnte er wieder klarer denken. Bewusst unterdrückte er den Impuls, sich wie sonst in das weltumspannende mentale Netzwerk einzulinken. Alfred plapperte munter vor sich hin, verarbeitete seine Anspannung in einen plätschernden Fluss von Nebensächlichkeiten. Matthias war froh, als sie endlich sein Büro erreichten, und schloss, als ihn Alfred mit einem halb besorgten, halb aufmunterten Klaps auf die Schulter verabschiedet hatte, mit einem Seufzer der Erleichterung die Tür. Er stellte die mentale Verbindung zum Firmensystem her, autorisierte sich mit der emotionalen Charakteristik der Erinnerung an sein erstes Rendevouz und rief die Termine des Tages ab. Gott sein Dank, nichts wichtiges an diesem Vormittag. Er hatte also genügend Zeit sich zu erholen.

Vielleicht hätte er sich dieses letzte Shareware-Tool nicht installieren sollen. Aber der "Brain Washer 3..0" versprach all diese kleinen, unpassenden Reste schon längst gelöschter Emgramme zu beseitigen, die so oft zu peinliche Situationen führten. Und nachdem Matthias neugierig dieses thailändische Erotik-Emgramm ausprobiert hatte, reagierte er auf die Anwesenheit jeder halbwegs attraktiven Frau mit kaum zu unterdrückenden Hüftbewegungen. Dies war um so unpassender, da sexuelle Begegnungen praktisch nur noch im virtuellen Raum stattfanden. Wer sich der realen körperlichen Betätigung hingab, galt als hoffnungslos verschroben.

Manchmal überkam ihn die Sehnsucht nach einem Leben ohne mentale Implantate, emotionale Stabilisatoren, endokriner Leistungsverbesserer und subdermaler Interlinks. Wie war es eigentlich so weit gekommen? Nachdem die Wissenschaft Ende der zehner Jahre die Geheimnisse des menschlichen Gedächtnisses entschlüsselt hatte, dauerte es nicht lange, bis ein findiger Forscher organische Speicher auf RNA-Basis entwickelte, die zum menschlichen Hirn kompatibel waren. Die ersten Implantate waren kaum mehr als Nachschlagewerke, umständlich abzufragen und nicht wirklich in die Persönlichkeit integriert. Aber Spezialwissen war gefragt, Brainplants waren für die Firmen billiger als aufwendige Weiterbildungen. Besonders in den Schwellenländern wurde die neue Biotechnologie intensiv genutzt. Warnende Stimmen in den traditionellen IT-Ländern wie den USA und Indien verstummten angesichts des dadurch erzeugten wirtschaftlichen Drucks. Wer mithalten wollte im Karrierepoker kam um eine künstlicher Erweiterung seines Wissens nicht herum.

Die Installation war einfach; zunächst eine Analyse der Gedächtnis- und Assoziationsfunktionen, dann zwei bis drei Injektionen von Vektorenviren mit individuell designter RNA. Während einer halben Stunde nach der Injektion wurden die Gedächtnis- und Assoziationszentren des Hirns mittels gezielter Mikrowellenstrahlung leicht überwärmt. Nur hier wurden die Viren aktiviert, die nun die umliegenden Neuronen infiltrierten und ihre industriell erzeugte Nukleinsäure einschleusten. Binnen einiger Tage wurden die neuen Informationen abgelesen und durch zelleigene Mechanismen in langlebige Gedächtnisproteine übersetzt. Überschüssige Viren wurden durch das Immunsystem schnell beseitigt.

Bald zeigten sich jedoch die ersten Grenzen der Wissenstechnologie. Wer sich mehr als 2-3 Brainplants verabreichen ließ, lief Gefahr zu einem lallenden Fachidioten zu werden. Das fremde Pseudowissen konnte dann die eigenen Erinnerungen überlagern. Der Fall eines Anwalts ging um die Welt, der nach 5 Implantaten zwar sämtliche Gerichtsentscheidungen seit der Verurteilung von Jesus Christus zitieren konnte, aber nicht mehr wusste, wie man mit Messer und Gabel umging. Eine Systemverwaltung musste her, die die Ausbreitung der einzelnen Wissensbereiche begrenzte und den Strom der Daten verwaltete.

Gleichzeitig strömte massenhaft Nano-Hardware aus den medizinischen Laboren auf den Markt. Winzig kleine Nanobots, die körpereigene Botenstoffe wie Insulin synthetisierten, gezielt Wachstumsfaktoren in degenerierten Gewebe abgaben oder die Beläge sklerosierter Gefäße abknabberten, revolutionierten in den reicheren Gebieten der Welt die Medizin. Einzeln funktionierten die Lösungen hervorragend, in Kombination waren jedoch auch sie auf eine übergeordnete Verwaltung angewiesen, sollte der Träger nicht mit unerwarteteten Ereignissen konfrontiert werden. Eine bekannte Redmonter Firma brachte mit Braincard ein System auf den Markt, das trotz mancher Kritik schnell eine Monopolstellung erreichte. Es integrierte auf der Basis definierter Schnittstellen Technologien aus der Gentechnik und Mikrobiokybernetik auf der einen und das organische Rumpfsystem des Benutzers auf der anderen Seite. Es bestand aus einer großen Anzahl von Nano-Einheiten, die sich, in den Blutkreislauf des Trägers gebracht, selbstständig an wichtige Erfolgsorgane wie dem zentralen Nervensystem und Hormondrüsen anlagerten. Am Hirnstamm organisierten sie sich selbstständig zu einer Zentraleinheit, von der aus die peripheren Subsysteme im ganzen Körper gesteuert wurden. Zur Kommunikation requirierte das System einfach für redundant gehaltene Nervenfasern; selbstständig operierende Einheiten wurden über spezielle Botenstoffe im Blut angesprochen. Die Schnittstelle zum Träger bildeten dessen optische und akustische Hirnzentren.

Waren die ersten Versionen von Braincard in ihrem Funktionsumfang noch sehr beschränkt, so kamen im Verlauf der nächsten Jahre eine Vielzahl von Features hinzu, die zu einer großen Verbreitung in der Normalbevölkerung führten. Automatische Trainingsprogramme, die im Schlaf für körperliche Fitness sorgten, Pausenprogramme, die Zeiten langweiligen Wartens mit angenehmen Erinnerungen und Assoziationen füllten und Einschlafhilfen waren nur einige der vielfältigen Möglichkeiten. Bald entdeckten die Spielhersteller die Plattform, neue Entwicklungen gaben ihnen die direkte Kontrolle über Sensorik und Emotionalität der Spieler. Der Traum von der virtuellen Realität war wahr geworden. Als dann noch subdermale Interlinks für den Zugang in das weltweite Netz sorgten, war der Siegeszug von Braincard komplettiert. Nur einige gesellschaftliche Randgruppen wie religiöse Eiferer und Öko-Freaks verweigerten sich den neuen Möglichkeiten.

Natürlich gab es auch Probleme. Der Zugang der Emgramme zu den emotionalen und sensorischen Ressourcen musste gesetzlich begrenzt werden, nachdem immer mehr Emotionsjunkies in ihrem Glücksrausch verhungerten. Diese Regelungen griffen nur unzuverlässig, wer wollte fand im Netz genügend Möglichkeiten die Sperren auszuhebeln. Mit dem Aufkommen erotischer Emgramme mit Netzwerkfähigkeit sank die Geburtenrate binnen weniger Jahre praktisch auf Null. Die Aufgabe der Kindererzeugung und -aufzucht ging von den zerfallenden Familien auf den Staat über. Manche Forscher warnten vor einer kritischen Komplexitätsschwelle der "Netzintelligenz", die, einmal überschritten, zu einem Pseudobewusstsein des Systems führen könnte. Andere fanden es bedenklich, dass Forscher, die die letztere Auffassung vertraten, eine erhöhtes Risiko für tödliche Unfälle zu haben schienen.

Auch für den einzelnen Nutzer war die Situation nicht immer einfach. Oft hinterließen versuchsweise installierte Emgramme unerwünschte Reste im System. Wer zu viel ausprobierte, musste mit unerklärlichen Systemfehlern und Abstürzen rechnen. Jeder Crash brachte das Risiko von Datenverlusten mit sich. Gingen mit der Zeit zu große Datenmengen verloren, kam es zu einer "Versandung" der Persönlichkeit. Die Betroffenen wirkten leblos, uninteressiert und zogen sich sozial zurück. Hackerangriffe aus dem Netz sorgten immer wieder für teils gefährliche, teils sehr peinliche Situationen. Auf eine besonders pikante Weise wurde dieses Sicherheitsproblem der Weltbevölkerung verdeutlicht, als der amerikanische Präsident bei einem Empfang, von falschen sensorischen Inputs verwirrt, auf die Festtafel urinierte.

Auch Matthias war besorgt. Dies war der dritte Absturz innerhalb von 2 Wochen gewesen. Wie ihm seine inneren Statusmeldungen verrieten, war seine Persönlichkeit wieder um 1 Prozent mehr geschädigt. 96% Persönlichkeitsintegrität war zwar nicht schlecht. Aber wenn es weiter Crash um Crash hagelte, gehörte er bald zu den "Zombies", die mit leeren Blick und leeren Hirn durch die Strassen und das Netz schlichen. Ohne Emotioncom®, dem steten Hüter seines emotionalen Gleichgewichtes, hätte ihn die Furcht vielleicht überwältigt. So aber fasste er bald neuen Mut. "Das Netz gibt es, das Netz nimmt es" dachte er sich und aktivierte seinen Netzzugang

Ohne die verschwommenen Werbebotschaften am Rande seines Bewusstseins zu beachten, startete er eine Suchanfrage nach "Brainwasher 3.0", wobei er gezielt nach negativen Bewertungen Ausschau hielt. 3500 Beschwerden alleine innerhalb der letzten 2 Stunden, davon 32 von Freunden oder Verwandten von Opfern, die nach dem Ausführen des Programms ins Koma fielen und nicht neu gestartet werden konnten. Matthias überlief es kalt, was eine Anzahl Nanobots in verschiedenen Hirnregionen dazu veranlasste, die Serotoninproduktion zu erhöhen. Er versuchte die Entwicklungsfirma zu kontaktieren, stieß aber nur auf einen mentalen "Anrufbeantworter", der ihm, eine mürrische Gereiztheit kaum verbergend, mitteilte, die Seite sei geschlossen, die Verantwortlichen nicht zu erreichen. Ein Anfrage bei verschiedenen Foren erbrachte wenig hilfreiches. Ein neumalkluger "Spezialist" empfahl die vollständige Deinstalation von Braincard und einen Reboot auf dem Boden der "natürlichen Ressourcen". So ein Unsinn, wie sollte er ein System deinstallieren, das mit allen zellulären Updates, Zusatzprogrammen, Nanobots und Systemhilfen 5% seines Körpergewichtes ausmachte und 99% seiner Funktionen überwachte. Selbst wenn er diese Prozedur überlebte musste er froh sein, nicht als sabbernder Idiot aufzuwachen.

In anderen Mitteilungen fand er Hinweise auf eine unerklärliche Häufung von Zwischenfällen nach der Installation von verschiedensten Share- und Freewareprogrammen der unterschiedlichsten Art. Ein Britte stellte die These auf, dass viele in letzter Zeit über das Netz vertriebenen Programme Troyaner enthielten, die, durch einen zusätzlichen Impuls getriggert, bald Grauenhaftes mit allen Nutzern anstellen würden. Typisch englische Paranoia. Aber vielleicht verständlich, wenn man in einer Welt voller hirntoter BSE-Opfer lebte, die nur durch ihre Implants an einer Art von Halbleben gehalten wurden. Aber auch andere Autoren sahen Auffälligkeiten in den verdächtigen Programmen. Von massenhaft unsinnigen Code war die Rede, von völlig unverständlichen Routinen und Aufrufen. Einige der Entwickler hatten sich, meist aus einem Versteck heraus, zu Wort gemeldet. Sie schworen Stein und Bein, dass es sich um nachträgliche Änderungen handelte. Einer gab an, er habe einen Teil des zusätzlichen Codes analysiert und es handele sich anscheinend um Anweisungen an Nanobots, auf ein bestimmtes Signal hin Nervenzellen zu zerstören. So ein Wahnsinn, das konnte doch nicht war sein! Aber wenn es doch stimmte... Vielleicht wartete ein irrsinniger Hacker nur darauf, dass sich Millionen Hirne auf einen Schlag in Brei verwandelten! Matthias merkte, wie ihn der Atem stockte und sich sein Herzschlag beschleunigte. Augenblicklich reagierten seine emotionalen Kontrollen, kompensierten die Stressreaktionen. Tausende von Nanobots stießen Endorphine aus, andere verminderten den Adrenalinausstoß der Nebennieren, erweiterten verengte Blutgefäße, reduzierten die Herz- und Atemfrequenz und verringerten oder erhöhten die Aktivität bestimmter Hirnbereiche. Diesmal hatte Matthias gegen diese automatische Reaktion nichts einzuwenden.

Aus den Augenwinkeln sah er einen großen Körper am Fenster seines Büros vorbeistürzen. Dunkel erreichte eine Ahnung den Rand seines Bewusstseins, dass es im Frankfurt des 21. Jahrhunderts keine so großen Vögel geben sollte. Aber jetzt keine Ablenkung! Er musste eine Lösung für sein Problem finden. Wo war noch mal der Britte mit seinen Troyanern? Weg! Die Nachricht war gelöscht! Wie konnte das geschehen, die Foren sollten doch angeblich sicher vor Angriffen sein. Zurück zu dem Programmierer und seinem analysierten Code. Auch weg! Was geschah hier? Fassungslos registrierte er, wie vor seinen mentalen Augen Beitrag um Beitrag verschwand. Auch die anwesenden User verringerten sich merklich, immer wieder durchzuckte ein Panikblitz das Forum und der Anwesenheitszähler fiel im freien Fall.

Tumultartige Geräusche aus dem Gebäude lenkten seine Aufmerksamkeit zurück in die reale Welt. Er blickte auf und sah durch das Fenster ein Feuer im oberen Drittel des Turms der europäischen Zentralbank. Jemand schrie und tobte im Zimmer nebenan. Matthias missachtete die dringlichen Warnungen seiner inneren Wächter, die ihm wegen eines psychischen Ausnahmezustandes empfahlen, sich in einen Medservice einzuloggen. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so gefühlt. Echte, ungefilterte Angst durchströmte ihn nachdem Emotioncom, den Anforderungen nicht gewachsen, in einer Serie von Fehlermeldungen abgestürzt war. Zitternd und schweißüberströmt kam er auf die Beine und taumelte in Richtung Tür.

Eine Mail höchster Priorität traf ein. Ein Gefühl unaufschiebbarer Dringlichkeit und die Verheißung seine Problem zu lösen blinkte im Header durch seinen verstörten Geist. Als Absender war sein Netzwerkbetreiber angegeben. Gott sei dank, jemand hat eine Lösung gefunden. Mühsam sammelte er sich und aktivierte die Mail.

Augenblicklich öffnete sich um ihn herum ein lichtdurchfluteter virtueller Raum. Vor ihm kauerte in einem altmodischen Bürostuhl ein unansehnlicher, leicht schmuddeliger Mann Mitte 30 mit Bartstoppeln. "Hallo," sagte er "ich bin Bernhard. Das ist eine aufgezeichnete Nachricht, die an alle User versand wird, die bestimmte Programme installiert haben."

Was sollte das? Das war doch keine offizielle Mail, das musste eine Angriff aus dem Netz sein! Erfolglos versuchte er das Abspielen der Mail zu verhindern.

Bernhard zoomte heran und sah ihn unsicher an. "Ich will dir erklären, was gleich passieren wird. Weißt du, der Mensch macht eigentlich ziemlich viel Scheiße, nicht wahr. Eigentlich macht er die ganze Welt kaputt. Du weißt schon, ausgerottete Wale und Adler, abgeholzte Regenwälder, globale Erwärmung und so weiter. Irgendwann habe ich gecheckt, dass es so nicht weitergeht. Weiß auch nicht, wie ich auf den Gedanken kam, was dagegen zu tun. Kam wie eine Erleuchtung über mich, nachdem ich meine Implants frisiert und mit einem ungefilterten Netzzugang ausgerüstet habe. Die Anleitung dafür hab ich im Netz gefunden." Eine kurze Welle der Verwirrung spülte über Bernhards Gesicht. Aber schnell fasste er sich wieder.

Was war hier los? Was wollte dieser durchgedrehte Hyperjunkie, der sein Hirn durch illegale Cacks verbraten hatte? Wie konnte er in sein System eindringen? Die möglichen Folgen außer acht lassend sandte Matthias das mentale Kommando für einen Notfallreboot. Aber wieder geschah nichts, die Mail lief ungerührt weiter.

"Der Mensch hat eine ziemlich gute Hardware, weißt du. Verdammt ausgefeilt. Selbstregenerierend, multifunktional, anpassungsfähig, gute Sensorik und so weiter. Und all das verschwendet an total uneffektive und egoistische Wesen. Die müssen weg. Löschen muss man sie dafür nicht, es reicht, wenn man sie vom System isoliert. Ich zeig dir mal wie das geht."

Bernhard verschwand aus der Szene. Statt dessen zoomte ein lebendiges menschliches Hirn heran. Eine Unzahl von Nanobots, symbolisiert durch kleine mechanische Krebse mit glänzend scharfen Scheren, wuselte um die Zellstränge herum und kommunizierte mittels kleiner Lichtblitzen mit der Zentraleinheit am Hirnstamm. "Das menschliche Bewusstsein sitzt in der Großhirnrinde. Solange es Verbindung mit dem restlichen System hat, kann dieses nicht effektiv arbeiten. Aber das kann man ja ändern." Wie auf Kommando bewegten sich alle Krebschen plötzlich koordiniert. Sie sammelten sich an großen Nervensträngen und legten mit grausamer Präzision die Scheren an das empfindliche Gewebe. "Deine Nanobots wurden schon vor Tagen durch versteckte Kommandos in einem Sharewareprogramm umprogrammiert. Inzwischen sitzen sie an allen wichtigen Verbindungen in deinem Hirn. Kann sein, dass die Umstrukturierung bei dir zu der einen oder anderen kleinen Systemstörung geführt hat. Am Ende dieser Mail werden sie durch einen Code aktiviert." Schnapp! In der Simulation schlossen sich auf einen Schlag Tausende von Scheren und durchschnitten unersetzliche Nervenfasern. Die Kamera zoomte heraus, Knochen, Muskeln und Haut schlossen sich um das Gehirn, zeigten ein friedliches, entspanntes Gesicht. Das Gesicht verblasste und Bernhard erschien wieder.

Nein! Das durfte nicht sein. Eingeschlossen im Körper ohne jede Verbindung zur Außenwelt! Matthias hatte von solchen Fällen gehört. "Locked in" nannte man das. Ein Gehirn voller Aktivität, das nicht mehr kommunizieren konnte, Zeit des Lebens alleine in Dunkelheit. Im letzten Jahr hatte es eine ganze Serie von solchen Fällen gegeben, alle auf Grund unerklärlicher Systemstörungen. Waren das einfach Probeläufe gewesen? Entsetzen packte ihn bei der Vorstellung einer ewigen formlosen Leere. Nein so konnte er nicht leben, lieber wollte er sterben!

"Ich möchte, dass dir klar ist, dass dir dabei eigentlich nichts passiert. Ja natürlich, du kannst dann nicht mehr sehen, hören, fühlen, dich bewegen und so." Erneut schien Bernhard kurzzeitig verunsichert. "Aber sonst passiert dir nichts. Theoretisch kannst du sogar ewig leben, denn das System wird dein genetisches aging device deaktivieren. Dein Körper wird von den Nanobots tadellos versorgt, wird Teil eines größeren Ganzen, wird im Netzwerk integriert weiter all seine Funktionen erfüllen. Der Mensch als intellektuelle Einheit ist schon längst überholt, die künstliche Intelligenz kann die Welt viel effektiver steuern. Und der Vorgang tut kaum weh, schau her:"

Bernhard schien sich kurz zu sammeln. Dann erweiterten sich plötzlich seine Augen. "Was,.. was.. Nein" stammelte er und versuchte sich aufzurichten. Aber noch bevor er stand, sackte er zuckend in sich zusammen. Eine kurze Zeit verstrich, dann beruhigte sich der Körper. Nach wenigen Sekunden öffnete er die Augen und sah Matthias an. Sein Blick wirkte kalt und bar jeder Menschlichkeit. "Beginn Phase 2" sagte er mit leerer Stimme. Die virtuelle Welt verschwand.

phase 2
dehumanising…
initiating personality isolation
145.237 nanobots operating

Nein, um Gottes willen, Nein. Für immer eingeschlossen in der Leere! Matthias kam es nicht in den Sinn, an der Botschaft zu zweifeln. Zu gut erklärte sie all die Vorkommnisse der letzten Zeit. Instinktiv verstand er die Bedeutung des fallenden Körpers, den er vor wenigen Minuten halbbewusst wahrgenommen hatte. Fallen, ein Sturz, ein barmherzig kurzer Aufprall. Das war der einzige Ausweg.

inactivating specified neurons
cytotoxic reaction initiated

Während er sich in Richtung des Fensters wandte, durchzuckte ihn ein plötzlicher Schmerz, als ob tausend glühende Nadeln sich in seinen Körper bohrten. Nur wenige Meter bis zum Fenster. Aber schon nach 2 hastigen Schritten wurden seine Beine gefühllos. Koordinationslos knickte sein rechtes Bein ein und er stürzte vorwärts. Sein Sichtfeld verengte sich, die Welt wurde grau und dunkel. Mit den Händen konnte er den Fensterrahmen ertasten, fühlte wie durch einen Schleier den Griff. Verzweifelt versuchte er sich an ihm aufzurichten, aber in diesem Moment begann sein endloser Sturz in tiefe Dunkelheit. Zuckend sank der Körper zu Boden, ebenso wie Millionen und aber Millionen anderer auf der ganzen Welt.

transferring sensoric control... completed
transferring movement control… completed
transferring audiovisuell control… completed
personality disintegrated
balancing transmitter systems…
biounit ms120317-frg full operable
network login…
reporting status…
worldwide dehumanising 23,25% completed, going on


… dunkelheit stille alleine alleine so furchtbar allein schwarze verzweifelung fall ohne ende körperlos verdammt endlosigkeit unhörbarer niemals endender schrei...

 

 

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